Zurück nach Bargstedt.
Ein abgesprungener britischer Flieger kehrt zurück!

Von Dietrich Alsdorf

Hunderte von britischen Fliegern gerieten während des zweiten Weltkriegs in Norddeutschland in Gefangenschaft. Entkommen aus ihren abstürzenden Bombern sprangen sie mit ihren Fallschirmen in die Nacht, in der Hoffnung auf ein gnädiges Schicksal. Unten am Boden trafen sie in erster Linie zunächst auf die paramilitärisch organisierte bäuerliche Landwacht, später Volkssturm, denen oft örtliche NS-Parteifunktionäre wie Ortsbauernführer usw. vorstanden. Die Nazi-Propaganda versuchte im Verlauf des immer aussichtsloseren Kriegsverlaufs die Bevölkerung mit Hetzparolen gegen die abgesprungenen „Terror-Flieger", wie es wörtlich hieß, aufzubringen, und versprach sich dadurch eine abschreckende Wirkung bei den Alliierten. Man kann nicht sagen, dass die Landbevölkerung den täglich über ihren Köpfen dahinfliegenden Bombern und ihren Besatzungen irgendeine Sympathie entgegenbrachte. Fehlwürfe und Opfer unter der Zivilbevölkerung taten ihr übriges. So kam es leider vereinzelt zu Übergriffen gegenüber britischen und vor allem amerikanischen Fliegern, die zuweilen gar mit Mord und Totschlag endeten und später seitens alliierter Behörden entsprechend verfolgt und streng geahndet wurden.

Doch meist liefen die Begegnungen fernab aller Schwarzweißmalerei mit dem Feind unspektakulär ab, gelegentlich gab es sogar menschliche Kontakte zwischen den „Bombenfliegern" und der Bevölkerung.
Die meisten dieser Ereignisse sind, weil nicht dokumentiert, in Vergessenheit geraten. Das ist umso bedauerlicher, weil es gerade diese Zeugnisse ehrlicher Mitmenschlichkeit in einer unmenschlichen, grausamen Zeit verdient hätten, aufgezeichnet und der Nachwelt übermittelt zu werden.
Das es aber auch nachträglich gelingen kann, Jahrzehnte nach den Kriegsereignissen noch Brücken zu schlagen, belegt das folgende Beispiel aus Bargstedt.
Am Abend des 11. November 1944 wurde eine viermotorige britische Lancaster der 83 Squadron auf ihrem Anflug zum Ziel Harburg von der Flak getroffen.
Dem Flugzeugführer, Fliegerleutnant David Jennings, gelang es, seinen brennenden Bomber aus dem Beschuss herauszuführen und seiner Besatzung den rettenden Fallschirmabsprung zu ermöglichen. Weit verstreut landeten die Männer im Raum zwischen Harburg und Harsefeld, bevor der Bomber über Harburg explodierte.
Unter ihnen war auch der Navigator der Maschine, Leutnant Phil George, der zwischen Bargstedt und Kakerbeck Doosthof landete und von der örtlichen Landwacht in Gewahrsam genommen wurde.
Im Gegensatz zu seinen Kameraden, die teils tagelang in der Gegend umherirrten, wurde George gleich nach seiner Landung gefangen genommen und in einem Gasthof für eine Nacht gefangen gehalten, bis auch er den Weg in die Kriegsgefangenschaft antrat.
Ein Fall, wie er sich vielfach so oder ähnlich abgespielt hat - im Deutschland des zweiten Weltkriegs.
Er wäre sicherlich wie die meisten dieser Ereignisse in Vergessenheit geraten, wenn nicht die Gefangennahme des „Engländers" in Bargstedt dokumentiert worden wäre.
Lehrer Friedrich Hillmann war leidenschaftlicher Fotograf und Chronist und hielt alle Ereignisse in dem Kirchdorf fest, dokumentierte Aufstieg und Ende der NS-Diktatur in seiner Landgemeinde.
Da bis zum Herbst 1944 der Ort in von Kriegsereignissen weitgehend verschont geblieben war, war die Festnahme eines Feindes aus einem abgestürzten Bomber natürlich etwas Besonderes.
Kurz bevor am darauffolgenden Tag ein Bus des nahen Fliegerhorstes Stade den Gefangenen abholte, machte Hillmann zur Erinnerung noch einige Fotos - Phil George im Kreis seiner Bewacher. Dann fuhr der Bus, in dem sich noch weitere Besatzungsmitglieder seiner Maschine befanden, ab Richtung Kriegsgefangenschaft.
Durch einen glücklichen Zufall erhielt der Verfasser im Jahre 1998 Einsicht in den fotografischen Nachlass des inzwischen verstorbenen Lehrers.
Darin einige Fotos von dem Gefangenen und wenige Notizen, darunter Namen und Herkunft in der handgeschriebenen Chronik.
Die Neugier war geweckt. Es drängte sich förmlich die Frage auf, ob der Betreffende noch leben würde, und der Wunsch trat in den Vordergrund, ihm ggf. einen Abzug des Fotos zu schicken.
In einer Luftfahrtzeitschrift fragte der Verfasser die Leser nach Einzelheiten zu dem abgebildeten Besatzungsmitglied und dem Hergang am 11. November 1944.
Die Resonanz war überwältigend: Zahlreiche Leser meldeten sich und legten eine Spur zu einem Traditionsverband nach England, die schon nach kurzer Zeit zu Phil George führte, der damals in Dorset an der Kanalküste lebte.
Urplötzlich wurde der 77-jährige wieder mit seiner Kriegszeit konfrontiert, als er neben den Fotos aus Bargstedt eine Lagekarte mit Eintrag seines Absprungortes und ersten Gefangennahme erhielt.
Auch die Zeitschrift selbst nahm sich des Falles an, und machte die in Australien lebenden Piloten David Jennings und den Bordschützen Brian Hayes ausfindig und recherchierte ausführlich den letzten Flug jenes Bombers.
Aber die Recherchen brachten auch an den Tag, dass der Heckschütze, Mathews, bis heute als vermisst gilt. Mehr noch: Dem Piloten Dave Jennings soll beim Verhör durch einen Vernehmungsoffizier mitgeteilt worden sein, dass sich Mathews angeblich mit Zivilisten angelegt haben soll und in ein brennendes Gebäude geworfen wurde.
Denn immerhin kamen die ersten Besatzungsmitglieder wie Funker Peter Hughes im unter Bombenhagel liegenden und brennenden Harburg herunter und es könnte durchaus sein, dass Mathews hier unter den geschilderten Umständen ermordet wurde.
Dem Vermissten wurde nachgesagt, dass er im Gegensatz zur übrigen Besatzung eine Pistole bei sich trug. Ein Umstand, der nicht gerne gesehen wurde. Denn um Missverständnisse bei der Gefangennahme zu vermeiden, hatten die Briten den Deutschen wissen lassen, dass deren Besatzungen unbewaffnet waren.
Im Spätherbst 2000 nahm der mit Phil George eng befreundete niederländische Historiker Hermann Bijlard Kontakt mit dem Verfasser auf.
Sein Freund George wollte tatsächlich den Ort seiner Gefangennahme besuchen und bat um Nachforschungen, ob sich ein solcher Besuch überhaupt noch lohnen würde.
Tatsächlich gab es den Gasthof noch, in dem Phil George für einen Tag gefangen gehalten wurde. Zwar äußerlich modernisiert, aber innen, so wurde versichert, soll alles weitgehend beim Alten geblieben sein.
Selbst die damaligen Töchter der Gastwirtin Catharina Steffens, Anny und Adele, damals so jung wie Phil George, lebten noch und konnten sich überdies gut an die damaligen Ereignisse erinnern. Gute Voraussetzungen also für einen Besuch.
Am 30. April 2001, einem wunderschönen Frühlingstag war es dann so weit: Phil George sagte: „Now let's go to Bargstedt!"
Eine unruhige Nacht hatte er schon zugebracht, im Hotel Meyer in Harsefeld, ganz in der Nähe also von jenem Ort, wo er vor 57 Jahren, knapp 20 Jahre alt, für eine Nacht Gefangener der Dorfbewohner war - seine erste Nacht in Kriegsgefangenschaft.
Begleitet von seiner Frau Primrose und seinem niederländischen Freund, fieberte er nun jenem Augenblick entgegen, der ihn nun, nach all den Vorbereitungen und Gesprächen, mit seiner Vergangenheit konfrontierte.
Endlich ging es los - die letzten Kilometer von Harsefeld nach Bargstedt über mit Birken gesäumten Straßen. Diese Landschaft hat er bewusst nie gesehen, damals, in jenen dunklen, grauen Novembertagen des Jahres 1944.
So ging denn während der Fahrt in die Vergangenheit sein Blick in den wolkigen blauen Himmel, so als suche er etwas - jenen winzigen Punkt seiner Lancaster, die irgendwo hier ihr Ende fand.
Damals, nach seinem geglückten Fallschirmabsprung, seinem ersten, wie er betonte, hing er hier irgendwo am Schirm und schwebte bei eisigem Wind und Schneeregen hinab in Feindesland, einem ungewissen Schicksal entgegen.
Wohlbehalten aber fürchterlich frierend landete er auf einem Acker in Doosthof, wenige Kilometer südlich von Bargstedt.
Dorthin ging nun zunächst die Fahrt in die Vergangenheit. An einem kleinen Landweg dicht bei den Häusern wurde gehalten.
Phil stieg aus dem Auto und ging die wenigen Schritte auf eine Weide und schaute sich um.
Hier soll es nach Zeugenaussagen gewesen sein.
Damals ein hartgefrorener Acker, heute eine Rinderweide. Phil wurde nun mit Blick auf die nur einige hundert Meter entfernten roten Hausdächer auch klar, wieso er so schnell gefangen genommen werden konnte - man hatte den nieder schwebenden Fallschirm beobachtet.
Die Landwacht dieser kleinen Siedlung, mit Gewehren bewaffnete Bauern, war es denn auch, die ihn sofort in Empfang nahm und zunächst in ein Gasthaus des nahen Dorfes Kakerbeck brachten.
Diese Phase war allgemein die gefährlichste für abgesprungene Besatzungsmitglieder, gleich welcher Nation.
Denn hier waren es Zivilisten, die entsprechend ihrer Weltanschauung und Haltung dem NS-Regime gegenüber, die Gefangenen gut oder schlecht behandelten.
Bargstedt und Umgebung war, wie bereits erwähnt, von schweren Bombardierungen verschont geblieben. Hier wurden abgesprungene Flieger nicht automatisch drangsaliert. So saß Phil George zunächst eine Weile herum, bis endlich Polizei-Wachtmeister von Rönnen aus Bargstedt eintraf und den Gefangenen übernahm.
Wieder wurde er in ein Gasthaus verfrachtet. Diesmal die Bahnhofsgaststätte „Zur Linde" in Bargstedt, zugleich Dienstsitz des örtlichen Dorf-Gendarmen.
Dort wurde er für die Nacht festgesetzt und in Ermangelung eines Gefängnisses in einen Nebenraum der Gaststube verfrachtet. Dort, gewissermaßen in privater Atmosphäre, verbrachte er den ersten Tag seiner Gefangenschaft, bewirtet von den Gastwirtstöchtern Anny und Adele Steffens.
Nun stand Phil George wieder vor der Gaststätte. Es war noch das gleiche Gebäude von damals, nur mit moderner Außenfassade. Selbst die Linden, die der Gaststätte einst den Namen gaben, standen noch.
Auch die Tür, vor der damals das Gruppenfoto entstanden war, gab es noch. Diese ging nun auf und Anny Rath und Adele Sumfleth, die „young Ladies", von damals standen in der Tür und begrüßten herzlich den einstigen „Feind".
Dieser betrat die Gaststube, diesmal ohne Gewehrbegleitung. Hier sah es fast noch genauso aus wie damals, als er, noch seinen Fallschirm im Arm haltend, hereingeführt wurde.
Altes gediegenes Mobiliar und Bilder, die Zeit schien stehen geblieben. Hier also hatte er damals auf seinen Abtransport gewartet, am Morgen des 12. Novembers 1944, einem Sonntag - neugierig beäugt von den Jugendlichen des Dorfes.
Serbische Kriegsgefangene, die sich frei im Dorf bewegen konnten, kamen damals in die Gaststube und spendiertem dem ungewöhnlichen Gast manches Bier, was dieser, bis heute kein Bier trinkend, dankend ablehnen musste.
Seine erste Nacht aber verbrachte er in dem kleinen Nebenraum der Gaststube, in der die Gastwirtsfamilie, genau wie damals, den Tisch gedeckt hatte.
Wenn sich George auch zuvor an die vielen Details seiner ersten Stunden in Gefangenschaft nicht erinnern konnte - nun brach die Erinnerung, jahrzehntelang verschüttet, über ihn herein.
Denn vieles stand noch so da wie damals.
Der gleiche Tisch, die gleichen Stühle und in der Ecke des Raumes das alte Sofa, auf dem George seine erste Nacht in Gefangenschaft verbrachte.
Er vermochte es kaum fassen. Still ließ er sich auf das Sofa nieder, während Familie Steffens das Essen auftrug. Adele und Anny waren es damals gewesen, die den stattlichen Engländer bewirteten, der sich immer noch an seinen Fallschirm festhielt, auf den beide heimlich ein Auge geworfen hatten, denn Fallschirmseide war beliebt und hoch begehrt.
Doch sie bekamen ihn nicht, warum und weshalb, keiner vermochte es heute noch zu sagen.
Nun trugen sie wieder Essen auf und der ehemalige Gefangene, war tief gerührt, rang mit den Tränen - dieser Tag der Konfrontation mit seiner Vergangenheit - ein großer Moment in seinem Leben.
Wie nicht anders zu erwarten, gingen die Gespräche am Tisch zurück in die Vergangenheit, an die Bombennächte der Kriegszeit.
Warum er denn in jener Nacht nicht geflohen sei, hinaus aus dem unbewachten Nebenraum der Gaststube, der ja nicht vergittert oder sonst gesichert war, wollten die Gastgeber wissen.
Wohin hätte er fliehen sollen, erwiderte George mit einem Blick nach draußen, in den Garten des Hauses.
Auch der Rest seiner Besatzung hatte es letztlich nicht geschafft, obwohl so manche noch tagelang Richtung Westen, Richtung Freiheit, geirrt waren.
Zu weit die Front, befand er damals und sein jugendlicher Optimismus gab ihm recht.
Gern, so gestand er scherzhaft, wäre er damals länger geblieben, bei den beiden „young ladies" der Gaststätte.
Hier hätte es ihm gefallen, doch der Krieg, das Schicksal, wollte es anders.
Anderntags stießen ihn Stader Luftwaffensoldaten unsanft in einen Sammelbus, der abgesprungene Briten in der ganzen Umgebung abholte.
„Rein mit dir Dummkopf!“ herrschten ihn die jungen Soldaten an – die Wirklichkeit hatte ihn eingeholt.
George sah sich im Bus um: In den Sitzreihen saßen weitere gefangenen Flieger. Viele waren verwundet, die meisten verdreckt. Fast kam er sich schuldig vor, sauber, satt und mit ordentlicher Uniform inmitten seiner Kameraden Richtung Gefangenschaft zu fahren.
Und noch seltsamer kam es ihm vor, als er nach einer Nacht im Gefängnis des Fliegerhorstes zusammen mit einer Wache auf dem Stader Bahnhof in einen normalen Personenzug stieg, um in ein Gefangenenlager gebracht zu werden.


Der Beitrag erschien in Geschichte und Gegenwart 2002.

Phil George mit seinen Bewachern vor der Scheune des Bargstedter Gasthofes.
Foto: F. Hillmann, Samtgemeindearchiv Harsefeld.

An gleicher Stelle im Jahre 2001 mit Gattin Primrose und Freund Hermann Bijlard.
Foto: D. Alsdorf.

Erinnerungsfoto vor der Bargstedter Gaststätte.
Foto: F. Hillmann, Samtgemeindearchiv Harsefeld.

An gleicher Stelle im Jahre 2001 mit den „young ladies“ von Einst.
Foto: D. Alsdorf.