Das Brunnenhaus

Von Dietrich Alsdorf


Zu den wenig beachteten Gebäudeteilen der Harsefelder Klosteranlage gehört u.a. das Lavatorium, das Wasch- oder Brunnenhaus.
Einer der Gründe war sicher der äußerst schlechte Erhaltungszustand der Gebäudefundamente. die durch den Abriss eines darüber errichteten Anbaus des Amtshofgebäudes Ende der 1970er Jahre zum erheblichen Teil beseitigt wurden.

Das entstandene Loch wurde damals mit Sand aufgefüllt und so wurden im ersten Jahr der Klostergrabung (1981) die Reste des Brunnenhauses gar nicht entdeckt und erst auf gezielte Nachsuche ein Jahr später erkannt und freigelegt.

 

Die wieder aufgemauerten Fundamente des Brunnenhauses 1985.

 

Der erste Anbau an den Amtshof wurde bereits in den Jahren um 1900 an die Südost-Ecke des Gebäudes gesetzt und durchschnitt die Fundamente des Brunnenhauses. (Foto: Samtgemeindearchiv.)


Dieser Anbau erfuhr etliche Veränderungen (hier ein Blick aus dem Schulgarten in den 1950er Jahren) und wurde erst im Zuge der umfänglichen Renovierung um 1980 abgerissen. Dabei wurden große Teil der Brunnenhausfundamente beseitigt. (Foto: Tamke.)


Die verbliebenen Fundamentreste wurden 1982 unter schwierigen Bedingungen freigelegt. Auf dem Foto ist links die erhaltene Ostwand mit Südostecke des Brunnenhauses zu erkennen.

Brunnenhäuser mit ihren oft kunstvoll gestalteten Brunnenschalen, die mit fließendem Wasser gespeist wurden, waren in den Klöstern Europas häufig architektonische Kleinodien und spielten im geregelten Tagesablauf der Mönche eine wichtige Rolle.
Die Regel sah vor, dass sich die Mönche vor dem Betreten des Refektoriums, dem Speisesaal, die Hände zu waschen und sich die Haare zu kämmen hatten. Auch das wöchentliche Schneiden der Tonsur geschah dort. Daher lagen die Gebäude allgemein gegenüber dem Eingang zum Refektorium, das sich in Harsefeld im Nordostflügel über einem Gewölbekeller, in dem die Wein- und Biervorräte des Klosters eingelagert waren, befand.


Knochenkämme aus dem Kloster.

Das Brunnenhaus war ein schlichter quadratischer Anbau mit einem Innenmaß von ca. 3 x 3 Metern und befand sich in der Nordostecke des Innenhofes. Über die Architektur und Ausgestaltung des Brunnenraumes können keine Angaben gemacht werden.
Die Wasserversorgung der inmitten des Raumes befindlichen Brunnenschale erfolgte durch einen unmittelbar westlich angrenzenden Brunnen, dessen aus Findlingen gesetzter runder Schacht bei Auffindung ebenfalls schwer beschädigt aufgefunden wurde. Ein durchweg hoher Grundwasserstand, der durch diesen Brunnen verursacht wurde, verhinderte eine weitere Untersuchung, so dass über eine vielleicht damals verwendete Hydrotechnik keine Aussagen getroffen werden können.

Das Brunnenhaus im archäologischen Befund: Links der Brunnen, rechts das quadratische Absetzbecken mit Ziegelfußboden.

Blick von Südwesten auf das freigelegte Brunnenhaus. Man beachte das hier schnell aufsteigende Grundwasser.

Das Absetzbecken östlich des Brunnenhauses.

Das Brunnenhaus wird aufgrund seines schlichten quadratischen Grundrisses bereits im 12. Jahrhundert, also in der ersten Bauphase der Klausur zusammen mit dem West- und Nordkreuzgang entstanden sein. Ob es damals gelang, einen artesischen Brunnen anzulegen, also eine Quelle unterhalb des Grundwasserspiegels anzuzapfen, dessen hydraulisches Potential so hoch war, dass das Wasser (wie bei der nur 85 Meter entfernten Quelle in der Kirchenstraße) von selbst bis zur Erdoberfläche emporstieg, ist unbekannt.

Im Vergleich zum Stand der Wasserversorgung in den mittelalterlichen Städten der Umgebung ist eher davon auszugehen, dass das Wasser für die vorgeschriebenen Waschungen zunächst aus dem benachbarten Brunnen geschöpft wurde. Dieses könnte mittelst einer Winde oder Flaschenzug in einen Raum über dem Brunnenhaus gehoben und dort in einem Behälter gelagert worden sein. Mittelst Metallleitung konnte das Wasser von dort in die Brunnenschale geleitet und bei Bedarf gezapft werden.
Da das Brunnenhaus, nach allem was wir wissen, keine Ableitung besaß, die das benutzte Brauchwasser aus der Klausur abführte, wurde es in ein unmittelbar östlich angebautes unterirdisches Absetzbecken geleitet.
Es handelte sich dabei um ein aus Feldsteinen gebautes rechteckiges Becken in den Maßen ca. 2,50 x 1,50 Meter, dass mit quadratischen Fliesen belegt war. In der Südwestecke waren einige Fliesen entfernt, um wohl einen schnelleres Versickern zu ermöglichen. Dieses Becken wird sicher mit Bohlen oder ähnlichem abgedeckt worden sein, um eine gelegentliche Reinigung zu ermöglichen. Dieses Sickerbecken gehörte aber nicht zum Ursprungsbau, sondern wurde später eingerichtet.
So könnte das Brunnenhaus in seiner ersten Phase durchaus über eine Abwasserleitung verfügt haben, die aber nicht unter den Ostflügel verlief, sondern nach Norden unter die (dort nicht unterkellerte) Abtei. Das Wasser wäre dann unter dem Klosterhof Richtung Nordosten in Richtung Niederung abgeleitet worden. Genau in jene Richtung, wo die Kloaken des Klosters vermutet werden. Diese These wird gestützt durch die Entdeckung einer unterirdischen Holzwasserleitung während der Kanalarbeiten 1982, die aus Richtung Nordflügel Richtung Nordost verlief. Das Besondere: Sie führte auch nach Jahrhunderten immer noch Wasser, das aus einer unbekannten Quelle stammte.
Eine weitere Möglichkeit, das Brunnenhaus mit fließendem Wasser zu versorgen, bestand darin, die außen am Westflügel der Klausur angelegten Zisternen zu nutzen, die mit Regenwasser der Dächer gespeist wurden. Vor dort, rund zwei Meter über dem Niveau des Kreuzgangs, konnte Wasser mit entsprechendem Gefälle mittelst Holzleitung entlang des zweistöckigen Nord-Kreuzgangs ins Brunnenhaus geleitet werden.
Entlang der Westwand des Westflügels wurden bei den Grabungen zwei Zisternen ausgegraben.  Von ihnen hätte man - das natürliche Gefälle ausnutzend – das Brunnenhaus mit Fließwasser versorgen können.


Diese beiden Zisternen lagen in gerader südlicher Richtung des Brunnenhauses an der Westwand des Westflügels. Lief über diese Wasserspeicher die Wasserversorgung des Brunnenhauses?


Freilegung in diesem Bereich.

 

Blick in eine der beiden Zisternen mit Resten der Holzabdeckung.

 

Der Bereich konnte zugunsten einer neuen Westmauer für den Westflügel nicht in die Platzgestaltung einbezogen werden. Hier stehen sich „Alt“ gegen „Neu“ gegenüber.

Der Überfall des Ritters Pentz im Februar 1546 und die damit einhergehende Zerstörung von West- und Nordflügel beendete die „Wasserkunst“ rund um das Brunnenhaus.
Beim Wiederaufbau wurden die Zisternen mit Brandschutt verfüllt, das Absetzbecken zugeschüttet. Auch das Brunnenhaus selbst wurde nicht wieder aufgebaut. Das Lavatorium wurde in den Ostflügel verlegt, in den Bereich zwischen Dormitorium im Norden und dem Kapitelsaal im Süden.
Schriftquellen aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts belegen dort ein „Waschhaus“, das wir bislang im archäologischen Befund noch nicht nachweisen können. Die Ableitung von Brauchwasser war fortan kein Problem mehr. Es wurde aus dem Ostflügel nach draußen abgeleitet, wo es in offenen Rinnen Richtung Bachniederung abfließen konnte.


Die fertige Anlage 1985.