Drama über der Badeanstalt - Wie der Luftkrieg nach Harsefeld kam!
Von Dietrich Alsdorf
Am Morgen des 25. Juli 1943 kündete den Harsefelder Einwohnern eine dunkle Rauchwand am östlichen Horizont von einem erneuten schweren Bombenangriff auf Hamburg. Nächtliche Angriffe auf die Hansestadt waren für die Harsefelder Bevölkerung bislang nichts Ungewöhnliches gewesen.
Flak- und Scheinwerferstellungen in der Umgebung gewöhnte die Menschen daran, dass über ihrem Himmel Krieg herrschte.
Sogar vereinzelte Bomben waren in und um Harsefeld gefallen, ohne Schäden anzurichten.
Eine Bombe bohrte sich am 15. November 1940 sechs Meter in die feuchte Niederung des Rellerbachs im Bereich des heutigen Klosterparks und konnte erst am 17. April 1999 mit erheblichem Aufwand geborgen werden. Tausend Einwohner Harsefelds mussten evakuiert werden, die Bomber wurde auf dem Mühlenberg gesprengt.
Doch niemand ahnte, dass die vergangene Bombennacht erst der Auftakt einer Reihe von insgesamt sieben Angriffen in Folge auf Hamburg sein würde, die als „Operation Gomorrha“ eine traurige Berühmtheit erlangen sollte und rund 34.000 Tote forderte.
Der 25. Juli 1943, ein Sonntag, war ein warmer, wolkenloser Sommertag und die Menschen gingen ihren sonntäglichen Beschäftigungen nach. Die Erwachsenen gingen spazieren oder besuchten Freunde und Verwandte.
Die Jugend aber traf sich in der kleinen Harsefelder Badeanstalt und genoss den Hochsommertag in vollen Zügen.
Am späten Nachmittag, während in Harsefeld in vielen Wohnungen Kaffee und Kuchen auf dem Tisch stand, musste Hamburg den zweiten Angriff innerhalb von 24 Stunden erleiden. Rund 120 viermotorige amerikanische Bomber klinkten ihre Bomben über der brennenden Stadt aus.
Die Flugzeuge vom Typ Boeing B-17, wegen ihrer vielen Abwehrwaffen auch "Fliegende Festungen" genannt, sollten jedoch nicht ungeschoren davonkommen.
Deutsche Jäger und Flak griffen die Flugzeuge unentwegt an und die Luftkämpfe forderten Verluste auf beiden Seiten.
Die Wiegerser Dorfjugend zum Beispiel war gerade auf dem Weg zum Baden, als direkt neben ihnen ein deutscher Jäger brennend senkrecht abstürzte und im Moor versank. Ein Fallschirm schwebte am Himmel. Alle reckten ihre Hälse und verfolgten hoch über ihnen die Luftkämpfe.
Einige Bomber, die auf diese Weise Beschädigungen erlitten hatten und das Tempo der Hauptarmada nicht mithalten konnten, schlossen sich für den Rückflug zu einem eigenen Verband zusammen und versuchten nun, relativ niedrig und langsam fliegend, auf kürzestem Weg die englische Küste zu erreichen.
Einer dieser Bomber, eine B-17 der 554th Squadron der 384. Bomb-Group wurde geflogen von Lt. Clarence R. Christman und befand sich mit neun weiteren Besatzungsmitgliedern auf ihrem dritten Einsatzflug.
Sie hatten ihr Flugzeug auf den Namen „Sugarpuss“ getauft und mit einem Portrait der US-Schauspielerin Barbara Stanwyck verzieren lassen.
Der bereits über Hamburg durch Flaksplitter beschädigte Bomber befand sich gerade über Harsefeld, als er von deutschen Jägern überraschend angegriffen wurde.
Die Harsefelder hatten noch nie amerikanische Flugzeuge gesehen. Hinrich M., damals 16 Jahre alt, hielt die Bomberformation für deutsche Flugzeuge: „Da habe ich noch so gedacht, was haben wir für Flugzeuge, ich war richtig stolz!“
Plötzlich, so erinnert er sich, begann es im Himmelsblau zu hämmern. „Ein deutscher Jäger griff diesen Pulk von hinten an und es dauerte gar nicht lange, da begann einer der Bomber zu brennen.“
Herr H., damals noch ein Junge, beobachtete ebenfalls das Geschehen: "Wir haben dann schon die ganze Zeit gesehen, wie die Bomber von Hamburg zurückkamen. Die Bomber waren schon Richtung Bargstedt, flogen ziemlich langsam und tief, da kamen zwei oder drei Jäger aus Richtung Stade rüber, die gingen direkt in den Pulk rein.
Einer der Bomber scherte aus, man sah wie der eine Motor schon brannte und dann ging er weg. Das ging eine ganze Zeit im Gleitflug und wie er ungefähr über dem „Sande“ (Anm.: eine Straße am westlichen Ortsrand) war, fing er an zu trudeln und dann war er schon im „Steinbeck." Gemeint ist der große Forst nördlich der „Hohebrücke“ zwischen Harsefeld und Bliedersdorf.
Die Harsefelder Jugend in der Badeanstalt, bekam das Geschehen unmittelbar mit. Sie sprangen auf, um den Luftkampf direkt über ihnen zu verfolgen. Eines der Kinder griff zur Kamera und fotografiert die Szene. In der Hektik verwackelte die Aufnahme, zeigt aber die überraschten Kinder, die gebannt und ungläubig den brennenden Bomber verfolgen.
Zu diesem Zeitpunkt befand sich der damals 11 Jahre alte Kurt H. am Harsefelder Bahnhof. Er vernahm das „Tack-Tack-Tack“ am Himmel und sah die Fallschirme. Er glaubte zunächst an eine feindliche Luftlandung: „Wenn die hier landen, und wir haben hier keine Soldaten!“, fuhr es ihm durch den Kopf. Panik erfasste den Jungen. Doch dann vernahm er deutlich das Heulen des stürzenden Bombers, ähnlich einer fallenden Bombe.
Zeitgleich befand sich einem Kilometer Luftlinie nordwestlich der Badeanstalt eine Harsefelderin mit ihrem Fahrrad auf dem Weg nach Wedel. Sie war kurz vor dem Ortsrand von Ohrensen, als sie den Lärm im Himmel vernahm. Mehr noch, der waidwunde, schon brennende Bomber „kam direkt auf mich zu“, wie sie sich 2003 erinnerte.
Was am Boden so unwirklich aussah, war hoch am Himmel ein Kampf auf Leben und Tod.
Auf deutscher Seite, so wissen wir heute, war es Oberleutnant Franz Nels von der III. Gruppe des Jagdgeschwaders 26, der in seiner Messerschmitt Bf 109 einen der Bomber ins Visier genommen hatte.
Von allen Seiten schlug dem Deutschen das Abwehrfeuer aus den zahlreichen 12,7 mm Abwehrwaffen des Bomberpulks entgegen, als er einen der Bomber von hinten angriff. Nels registrierte wirksame Treffer in der linken Tragfläche und im hinteren Rumpf, dann drehte der Jäger ab.
Mit blankem Entsetzen wird Christman registriert haben, wie sich der Brand des linken Außentriebwerks rasend schnell auf die gesamte Tragfläche ausbreitete, und wird sofort das Abspringen seiner Besatzung befohlen haben.
Wer von den Amerikanern noch konnte, verließ sofort das brennende Flugzeug. Ausstiegsklappen wurden aufgestoßen und nahezu gleichzeitig sprangen der Navigator William Sears, Kopilot R.S. Carroll sowie die Bordschützen Hill, Stephenson und Detrick ab.
Ihre Fallschirme säumten gleich einer Perlenkette den letzten Flugweg des Bombers. Das durch Hinrich M. bewahrte, von F. Meyer aufgenommene Foto zeigt neben dem stürzenden Bomber auch die nieder schwebenden weißen Fallschirme.
An Bord befanden sich nun neben dem Flugzeugführer nur noch Tote oder Verwundete. So der Bombenschütze B. Bennett, der Heckschütze Jerome Goubeaux, und die Bordschützen Gillis und Leonard.
Was niemand der zahllosen Augenzeugen sehen konnte, war der letzte Akt des Dramas.
Zwischen dem Butendiek und der Ziegelei, versuchte im letzten Moment nun auch der Flugzeugführer, sein nicht mehr in der Luft zu haltende Flugzeug zu verlassen.
Die waidwunde „Sugarpuss“ stürzte ab! Das letzte, was der Flugzeugführer gesehen haben mag, war das sich vor der Bugscheibe drehende Grün des Waldes, dann riss ihn der Fahrtwind aus der Maschine heraus.
Der Luftzug wirbelte den Unglücklichen tragischerweise in die Luftschraube eines noch laufenden Triebwerks, die ihm den Unterschenkel eines Beines abtrennte.
Zwar gelang ihm noch, seinen Fallschirm auszulösen, doch dieser verfing sich in einer hohen Baumkrone des Waldes, während sein Flugzeug nur wenige Hundert Meter entfernt, durch die Wipfel brach und zerschellte.
Obwohl sich in den umliegenden Dörfern die Menschen in Bewegung setzten und zum Unglücksort eilten, gab es für den amerikanischen Piloten keine Überlebenschance.
H. und andere Jungen waren inzwischen mit ihren Fahrrädern an der Absturzstelle eingetroffen. Als erstes entdeckten sie den Fallschirm mit dem toten Piloten im Baum.
Mit seinem Fallschirm hilflos im Geäst verfangen, starb Christman einsam und unerreichbar hoch in der Baumkrone einer riesigen Buche
Möglich noch, dass der Amerikaner seine Signalpistole aus der Hosentasche ziehen konnte mit der Absicht, sich den ersten Herbeilenden erkennen zu geben.
Doch sie glitt ihm aus der Hand und wurde wenig später von Kurt H. gefunden. Der Junge nahm die Pistole mit, um sie später im Kreis weiterer Jugendlicher auszuprobieren.
In einiger Entfernung tiefer im Wald war die brennende Aufschlagstelle.
Lediglich einige Männer vom Gasthof Rutenbeck waren inzwischen da, sowie eine Gruppe Arbeitsmaiden, die sich auf einem Waldausflug befunden hatte.
Die Mädchen schlugen mit Zweigen auf die sich ausbreitenden Flammen ein und verhinderten somit einen Waldbrand.
Der Bomber war bald ausgebrannt und kokelte nur noch vor sich hin. Ab und zu knallte es, wenn unter der Hitze die Bordmunition explodierte. Bomben befanden sich nicht mehr an Bord.
Nach einiger Zeit kamen zwei Bergungswagen vom Stader Fliegerhorst. Soldaten und Polizei sperrten das Gelände weiträumig ab und räumten in den folgenden Tagen die Trümmer. Vier Gefallene wurden noch im Wrack gefunden. Die restlichen fünf, mit dem Fallschirm ausgestiegenen Besatzungsmitglieder, gerieten in Harsefeld in Gefangenschaft.
Eine Harsefelder Pilzsammlerin machte ein Jahr später einen grausigen Fund: Einige hundert Meter vom Absturzort entfernt entdeckte sie den skelettierten Unterschenkel nebst Stiefel des amerikanischen Flugzeugführers! Was damit nach Meldung bei der Harsefelder Polizei geschah, bleibt ungeklärt.
Der Absturz über dem Bliedersdorfer Wald wurde von ungezählten Augenzeugen im gesamten Harsefelder/Horneburger Gebiet beobachtet. Daher gilt der Absturz über dem Steinbeck-Wald geradezu als das Symbol für den Luftkrieg über der Stader Geest.
Die Absturzstelle zwischen verkohlen Bäumen war bis in die frühen sechziger Jahre Ziel heimatkundlicher Schulausflüge und natürlich Ziel jugendlicher Souvenirjäger.
Ganze Generationen von Kindern versuchten bis in die sechziger Jahre, Munitionshülsen zu sammeln oder das herumliegende Plexiglas anzuzünden.
Heute steht Nadelholz und hoher Farn auf der Stelle und mit dem Verblassen der Erinnerung der letzten Augenzeugen verwischen auch die Spuren der „Sugarpuss“ aus dem Steinbecker Wald.